Interview mit den Autoren von »Wenn Schule fliegen lernt«
Olaf-Axel Burow lehrte Allgemeine Pädagogik an der Universität Kassel und ist Autor zahlreicher Fachbücher zu Pädagogik, Organisationsentwicklung und Kreativitätsforschung
Stefan Ruppaner Stefan Ruppaner war bis 2024 Schulleiter der Alemannenschule Wutöschingen, die zu den innovativsten und erfolgreichsten Deutschlands gehört.
Johannes Zylka ist Diplompädagoge, Realschullehrer, Medienpädagoge und promovierter Bildungsforscher.
Lieber Herr Burow, lieber Herr Ruppaner, lieber Herr Zylka, Sie widmen sich in Ihrem neuen Buch Wenn Schule fliegen lernt, der Schmetterlingspädagogik. Was ist darunter zu verstehen und wofür steht der Schmetterling?
- Haltung
- Expertise
- Raum
- Zeit
Viele Menschen haben das Gefühl, dass Schule heute an ihre Grenzen stößt. Was ist aus Ihrer Sicht das eigentliche Problem und warum reichen kleine Reformen nicht mehr aus?
- vom Lehren zum Lernen,
- von der Kontrolle zum Vertrauen,
- von der Gleichschrittigkeit zur Vielfalt,
- von der Belehrung zur Begleitung,
- von der Stoffvermittlung zum Kompetenzerwerb,
- von der Schule als Unterrichtsort zur Schule als Lebens- und Lernort.
Was macht die Schmetterlingspädagogik zur Schulrevolution?
Zylka: Ganz klar die Notwendigkeit der gemeinsamen Arbeit an der Haltung den Lernenden gegenüber. Der Band zielt nicht auf kleinere Verschlimmbesserungen, die man so oder so umsetzen kann. Ohne das Fokussieren der Arbeit an der Haltung der Lehrenden wird eine Entwicklung im Sinne der Schmetterlingspädagogik scheitern.
Burow: Revolutionär sind der Abschied von der tradierten Lehrerrolle und dem Unterricht, mit dem Ziel einer stärkeren Fokussierung auf das tendenziell selbstgesteuerte Lernen der Schüler:innen. Damit einher geht die Abschaffung der 45-Minuten-Stunde zugunsten einer flexiblen Gestaltung der weitgehend selbstgesteuerten Lernzeiten im eigenen Tempo, die durch die digitale Lernplattform, durch Kompetenzraster und vielfältige Lernmaterialien sowie eine veränderte Umgebungsgestaltung unterstützt werden. Revolutionär ist auch die Ersetzung von Ziffernzensuren durch „Gelingensnachweise“.
Ruppaner: Die Schmetterlingspädagogik ist revolutionär, weil sie nicht bei einer neuen Methode beginnt, sondern die bisherigen Grundannahmen von Schule infrage stellt. Die klassische Schule ist im Kern um den Unterricht herum gebaut. Räume, Stundenpläne, Lehrkräftearbeitszeit, Leistungsbewertung und Schulorganisation orientieren sich an der Vorstellung, dass eine Lehrkraft einer Gruppe von Schülerinnen und Schülern Wissen vermittelt. Die Schmetterlingspädagogik dreht diese Perspektive um. Nicht der Unterricht, sondern das Lernen wird zum Ausgangspunkt aller Entscheidungen. Das hat weitreichende Folgen. Wenn Menschen unterschiedlich lernen, brauchen sie unterschiedliche Lernwege. Wenn sie Verantwortung übernehmen sollen, müssen sie echte Verantwortung erhalten. Wenn Lernen Zeit benötigt, darf es nicht ständig nach 45 Minuten unterbrochen werden. Wenn Lernen kooperativ und individuell zugleich stattfindet, reichen traditionelle Klassenzimmer nicht aus. Wenn Wissen überall verfügbar ist, kann die Lehrkraft nicht länger die alleinige Wissensquelle sein. Die Schmetterlingspädagogik verändert daher nicht nur die Didaktik, sondern die gesamte Architektur von Schule:
- die Lernorganisation,
- die Rolle der Lehrkräfte,
- die Lernräume,
- den Umgang mit Zeit,
- die Leistungsbewertung,
- die Teamstrukturen,
- die Bedeutung digitaler Medien,
- die Zusammenarbeit mit Eltern,
- die Öffnung zur Lebenswelt.
Lernende erhalten zunehmend die Möglichkeit, ihren Lernprozess selbst zu organisieren. Lehrkräfte werden zu Lernbegleiterinnen und Lernbegleitern. Sie erklären weiterhin, aber sie tun dies gezielt, bedarfsgerecht und in geeigneten Inputformaten. Darüber hinaus beraten, beobachten, ermutigen und begleiten sie.
Lernen findet nicht mehr nur im Klassenzimmer statt. Es gibt Lernateliers für konzentriertes Arbeiten, Marktplätze für Zusammenarbeit, Inputräume, digitale Lernräume, Clubangebote, Projekte, außerschulische Lernorte und Lebensräume.
Auch Leistung wird anders betrachtet. Es geht weniger darum, Defizite zu verwalten, sondern Lernfortschritte sichtbar zu machen. Lernende sollen nicht primär für Prüfungen lernen, sondern zeigen können, dass ihnen etwas gelungen ist. Deshalb sprechen wir von Gelingensnachweisen.
Revolutionär ist schließlich das Menschenbild. Die Schmetterlingspädagogik geht davon aus, dass Kinder lernen wollen. Neugier, Gestaltungswille und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit sind grundsätzlich vorhanden. Schule muss Lernen nicht ständig durch Druck erzwingen. Ihre Aufgabe ist es vielmehr, Lernfreude zu bewahren und Entfaltungstage Entfaltungs- und Entwicklungsräume zu schaffen.
Die Revolution besteht also nicht in einem spektakulären einzelnen Element. Sie besteht darin, Schule konsequent von den Bedürfnissen und Möglichkeiten der lernenden Menschen aus zu gestalten.
Sie verbinden Selbstorganisiertes Lernen mit Lernen durch Erleben. Warum entsteht gerade aus dieser Kombination eine neue Qualität des Lernens?
Burow: Eine neue Qualität des Lernens entsteht weil die Schmetterlingspädagogik den Schüler*innen die Möglichkeit eröffnet neigungsorientiert und im eigenen Tempo zu lernen, so dass neben der Aneignung der Basisakompetenzen Freiräume für persönliche bedeutungsvolles Lernen allein und im Team, oft auch in selbstgewählten, altersübergreifenden Projekten entsteht.
Ruppaner: Selbstorganisiertes Lernen und Lernen durch Erleben erfüllen unterschiedliche, aber gleichermaßen wichtige Funktionen.
Beim Selbstorganisierten Lernen erwerben die Lernenden systematisch grundlegende Kompetenzen. Sie lernen beispielsweise mathematische Verfahren, sprachliche Strukturen, naturwissenschaftliche Grundlagen oder historische Zusammenhänge. Sie arbeiten mit Kompetenzrastern, Lernmaterialien, digitalen Werkzeugen und klaren Lernzielen.
Dabei geht es nicht darum, die Kinder mit Arbeitsblättern allein zu lassen. Selbstorganisiertes Lernen muss sorgfältig begleitet werden und gelingt meist kooperativ. Es braucht gute Materialien, Orientierung, Coaching, Rückmeldung, Inputs und verlässliche Beziehungen.
Diese Form des Lernens stärkt die Selbstwirksamkeit. Lernende erleben: Ich kann mir ein Ziel setzen. Ich kann einen Weg planen. Ich kann Schwierigkeiten überwinden. Ich kann meinen Lernfortschritt erkennen.
Aber Lernen darf nicht auf den Erwerb isolierter Kompetenzen reduziert werden. Menschen lernen besonders nachhaltig, wenn Inhalte für sie Bedeutung erhalten. Genau hier beginnt das Lernen durch Erleben.
In Projekten, Herausforderungen und realen Aufgaben wird Wissen gebraucht. Lernende bauen etwas, organisieren eine Veranstaltung, produzieren einen Film, entwickeln eine Ausstellung, planen eine Reise, lösen ein gesellschaftliches Problem oder arbeiten mit Partnern außerhalb der Schule zusammen.
Plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage: „Warum muss ich das lernen?“ Das Wissen erhält einen Sinn, weil es für ein konkretes Vorhaben benötigt wird.
Beim Lernen durch Erleben entstehen außerdem Kompetenzen, die sich nur begrenzt durch Unterricht vermitteln lassen: Teamfähigkeit, Durchhaltevermögen, Verantwortungsbereitschaft, Mut, Empathie, Kreativität und der konstruktive Umgang mit Scheitern.
Ein junger Mensch, der eine mehrtägige Wanderung plant, gemeinsam mit anderen ein Theaterstück aufführt oder an einem gesellschaftlichen Projekt arbeitet, lernt auf eine andere Weise als durch das bloße Bearbeiten eines Lehrbuchkapitels.
Die besondere Qualität entsteht aus dem Zusammenspiel.
Das Selbstorganisierte Lernen gibt Struktur, fachliche Tiefe und die Grundlage für systematischen Kompetenzaufbau. Das Lernen durch Erleben gibt Bedeutung, emotionale Beteiligung und Anwendungsmöglichkeiten.
Der eine Flügel sorgt dafür, dass Lernende wissen und können. Der andere sorgt dafür, dass sie verstehen, wofür sie ihr Wissen und Können einsetzen können.
Erst wenn beide Flügel gemeinsam schlagen, kann Lernen fliegen.
Kritiker könnten einwenden, dass mehr Freizeit zu weniger Leistung führt. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht, die dagegensprechen?
Burow: Die Schmetterlingspädagogik zielt mit „Freizeit“ nicht auf „Abhängen“, sondern es geht um die Stärkung der Fähigkeit zum selbstbestimmten Lernen, zur Prioritätensetzung und zur Entdeckung und Nutzung eigener Fähigkeiten und Talente. Das ist im durchstrukturierten 45-Minutentakt kaum möglich, denn dafür benötigt man echte „Freizeit“.
Ruppaner: Die Erfahrung der Alemannenschule Wutöschingen zeigt seit vielen Jahren, dass Freiheit und Leistung keine Gegensätze sind. Im Gegenteil: Richtig verstandene Freiheit kann Leistung erst ermöglichen.
Dabei darf Freiheit nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Freiheit bedeutet in der Schmetterlingspädagogik immer auch Verantwortung.
Lernende können nicht einfach tun, was sie wollen. Sie übernehmen Verantwortung für ihre Ziele, ihre Lernwege, ihre Arbeitsweise und zunehmend auch für die Gemeinschaft. Sie erhalten Unterstützung, Orientierung und verbindliche Rückmeldungen.
Freiheit entsteht schrittweise. An der Alemannenschule wurde dies unter anderem durch eine Graduierung sichtbar gemacht. Wer zuverlässig arbeitet, Vereinbarungen einhält und Verantwortung übernimmt, gewinnt zusätzliche Freiheitsgrade. Wer noch mehr Unterstützung benötigt, erhält engere Begleitung.
Dieses Prinzip ist lebensnah: Freiheit wächst mit der Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen.
Die Alemannenschule Wutöschingen hat über viele Jahre gezeigt, dass auch in einem offenen und selbstorganisierten Lernsystem sehr gute fachliche Leistungen möglich sind. Die Lernenden haben in Vergleichsarbeiten, Schulabschlüssen und weiterführenden Bildungswegen überzeugende Ergebnisse erzielt.
Darüber hinaus entstehen Leistungen, die in klassischen Prüfungen oft gar nicht sichtbar werden. Lernende können ihre Arbeit organisieren, präsentieren, im Team handeln, Probleme lösen und Verantwortung übernehmen. Viele entwickeln ein starkes Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit.
Auch andere Schulen zeigen inzwischen, dass diese Form des Lernens gelingen kann. Entscheidend ist jedoch, dass Freiheit pädagogisch gestaltet wird.
Eine Schule kann nicht am Montag die bisherigen Strukturen abschaffen und am Dienstag erwarten, dass alle Kinder selbstständig lernen. Selbstorganisation muss gelernt werden. Es braucht eine sorgfältige Einführung, verlässliche Beziehungen, gute Materialien, regelmäßiges Coaching und klare Erwartungen.
Der Vorwurf, mehr Freiheit führe automatisch zu weniger Leistung, beruht häufig auf einem sehr engen Leistungsbegriff. Leistung wird dann vor allem als das schnelle Wiedergeben vorgegebener Inhalte verstanden.
Für uns bedeutet Leistung mehr. Leistung ist, wenn ein junger Mensch sein Potenzial entfaltet, sich anspruchsvollen Aufgaben stellt, Verantwortung übernimmt und sein Wissen in neuen Situationen anwenden kann.
Wenn Lernende Sinn, Selbstwirksamkeit und Zugehörigkeit erleben, steigt in der Regel nicht nur ihre Freude, sondern auch ihre Leistungsbereitschaft.
Viele Lehrkräfte wünschen sich eine Veränderung, wissen oft aber gar nicht, wo sie anfangen sollen und fühlen sich durch Lehrpläne ausgebremst. Was würden Sie ihnen mit auf den Weg geben? Wo können sie ansetzen?
Zylka: Jede Veränderung fängt klein an und ist auch im Kleinen möglich. Nichts zu tun oder „einfach Unterricht zu machen", war für mich nie eine Option. Ich habe auf der anderen Seite aber auch gelernt, dass die eigenen Ressourcen wohlüberlegt eingesetzt werden müssen. Vernetzen Sie sich mit Gleichgesinnten, schaffen Sie sich im Kleinen funktionierende Strukturen, nutzen Sie die im Buch präsentierten Strukturen - so entlasten Sie sich gegenseitig und Schaffen Freiräume für weitere Entwicklung.
Burow: Alles beginnt mit einer Vision, einem gemeinsam entwickelten und geteilten Zukunftsbild, das in einer „Mission“ sowie dem „Zukunftscode“ verdichtet wird. Die Mission ist ein einfacher Aussagesatz, der auf den Punkt bringt, was unsere Aufgabe ist, das, wofür wir „brennen“. Der Zukunftscode beschreibt die Werte, die unser Handeln leiten. In unseren Zukunftswerkstätten setzen wir oft auch einen „Gedankenzeichner“ ein, der in der Lage ist, Mission und Zukunftscode in einem ausdruckstarken Bild zu verdichten, das ein echtes „Leitbild“ ist und von manchen Schulen im Format 5x3 m im Eingangsbereich präsentiert wird, so das alle jeden Tage wissen, wofür sie jeden Tag arbeiten. Auf Grundlage der gemeinsamen Vision muss die Schulleitung mit den Schlüsselpersonen einen klar terminierten und mit Verantwortlichkeiten versehenen Umsetzungsplan entwickeln. Dabei gilt meine Formel: Sei leidenschaftlich! Finde heraus, wofür Du brennst und setze das um. Sei visionär: Glaub daran, dass Du selbst unter schwierigen Bedingungen, Deine Ziele erreichen kannst. Mach`s einfach: Statt sich zu sehr auf Probleme und Einwände zu fixieren, sollte man einfach mit kleinen Schritten anfangen.
Ruppaner: Unsere wichtigste Botschaft lautet:
Einfach anfangen und ausprobieren.
Niemand muss an einem Tag die gesamte Schule umstellen. Schulentwicklung gelingt in Schritten. Entscheidend ist, überhaupt den ersten Schritt zu gehen.
Eine Lehrkraft könnte beispielsweise damit beginnen, in einer Unterrichtsstunde nicht allen Lernenden exakt die gleiche Aufgabe zu geben. Sie könnte Wahlmöglichkeiten schaffen, Lernziele transparent machen oder den Lernenden erlauben, Reihenfolge und Tempo einzelner Aufgaben selbst zu bestimmen.
An der Alemannenschule wurde in der zweiten und dritten Stunde ein tägliches Lernband für die Fächer Deutsch und Mathematik eingeführt, bei dem das Selbstorganisierte Lernen im Mittelpunkt steht.
Ein guter Einstieg kann auch ein Projekt oder eine Herausforderung, der FreiDay oder das 5-W-Lernen sein, bei der die Lernenden selbst planen, Entscheidungen treffen und Verantwortung übernehmen.
Die Lehrpläne sind dabei oft weniger hinderlich, als viele vermuten. Sie beschreiben in der Regel Kompetenzen und Ziele, nicht jeden einzelnen Weg dorthin. Innerhalb dieser Vorgaben bestehen häufig erhebliche pädagogische Gestaltungsspielräume.
Unser Buch „Wenn Schule fliegen lernt“ soll Lehrkräften, Schulleitungen und Schulentwicklungsgruppen genau dabei helfen. Es bietet Orientierung, macht Zusammenhänge verständlich und zeigt konkrete Ansatzpunkte.
Darüber hinaus bietet der SchmetterlingsDiLer eine Fortbildungsmöglichkeit, die selbst nach den Prinzipien der Schmetterlingspädagogik aufgebaut ist. Pädagoginnen und Pädagogen können dort selbstorganisiert lernen, Materialien nutzen, Entwicklungsbereiche auswählen und auf Wunsch begleitet werden.
Wichtig ist, nicht auf die perfekte Lösung zu warten. Schulentwicklung ist kein Projekt, das zuerst vollständig geplant und anschließend nur noch umgesetzt wird. Sie ist ein Lernprozess.
Man beginnt, sammelt Erfahrungen, holt Rückmeldungen ein, verändert etwas und entwickelt sich weiter.
Jede große Veränderung hat einmal klein angefangen.
Die Schmetterlingspädagogik verändert auch die Rolle der Lehrkräfte. Was gewinnen sie dadurch?
Zylka: Wenn man die ersten Stolpersteine überwunden hat: Eine vorher nie gekannte Zufriedenheit mit der eigenen Arbeit - zumindest dann, wenn man WIRKLICH gerne mit Kindern und Jugendlichen arbeitet.
Burow: Ebenso wie die Schüler:innen mehr Leidenschaft fürs Lernen und Gestalten, mehr Freiheit für selbstbestimmtes Handeln und mehr Zufriedenheit und Erfolgserlebnisse.
Ruppaner: Lehrkräfte gewinnen vor allem Zeit für das, weshalb viele von ihnen ursprünglich diesen Beruf gewählt haben: für Beziehungen, Begleitung, gemeinsames Lernen und sinnstiftende Erfahrungen. Im traditionellen Unterricht steht die Lehrkraft häufig unter dem Druck, permanent die gesamte Gruppe steuern zu müssen. Sie muss erklären, Aufmerksamkeit herstellen, Störungen vermeiden, Aufgaben verteilen, Ergebnisse kontrollieren und den Stoffplan einhalten. In einer Schule des selbstorganisierten Lernens verteilt sich Verantwortung neu. Die Lehrkraft muss nicht mehr in jeder Minute der Motor aller Lernprozesse sein. Sie bleibt fachliche Expertin oder fachlicher Experte, wird aber zugleich Coach, Beraterin, Beobachter, Ermöglicherin und Beziehungsperson. Dadurch entsteht eine andere Qualität der pädagogischen Arbeit. Lehrkräfte können einzelne Lernende genauer wahrnehmen. Sie können Gespräche führen, Stärken entdecken, passende Impulse geben und bei Schwierigkeiten gezielter unterstützen. Sie erleben außerdem mehr gemeinsames Arbeiten im Team. Statt als Einzelkämpferinnen und Einzelkämpfer jeweils ihre eigene Klasse zu versorgen, können sie Materialien gemeinsam entwickeln, Aufgaben verteilen und ihre unterschiedlichen Stärken einbringen. Nicht jede Lehrkraft muss alles gleich gut können. Die eine Person ist besonders stark in fachlichen Inputs, eine andere im Coaching, eine weitere in der Projektarbeit, in der Organisation, im musisch-kulturellen Bereich oder im Aufbau außerschulischer Kooperationen. Diese Form der Zusammenarbeit kann die Arbeit angenehmer, gesünder und wirksamer machen. Lehrkräfte gewinnen außerdem Zeit für gemeinsames Erleben. Sie begleiten junge Menschen bei Projekten, Herausforderungen, Wanderungen, Aufführungen, Experimenten und gesellschaftlichen Vorhaben. Dadurch erleben sie die Kinder und Jugendlichen nicht nur als Schülerinnen und Schüler, sondern als ganze Persönlichkeiten. Viele Lehrkräfte erfahren ihre Arbeit dadurch wieder stärker als sinnstiftend. Sie sehen nicht nur, ob eine Aufgabe richtig oder falsch gelöst wurde. Sie erleben, wie ein junger Mensch wächst, Selbstvertrauen entwickelt, Verantwortung übernimmt und seinen eigenen Weg findet. Die Schmetterlingspädagogik entlastet nicht automatisch. Auch eine neue Schule braucht Einsatz, Verbindlichkeit und Professionalität. Aber sie verändert die Art der Belastung. An die Stelle der permanenten Steuerung und Belehrung tritt eine Tätigkeit, die stärker von Beziehung, Kooperation und Entwicklung geprägt ist. Lehrkräfte gewinnen damit nicht nur eine neue berufliche Rolle. Sie können auch Freude, Sinn und Lebendigkeit in ihrer Arbeit zurückgewinnen.
Welche Leser:innen wünschen Sie sich für Ihr Buch und was würden Sie ihnen mitgeben?
Burow: Die Schmetterlingspädogik ist eine Ermutigung für alle die Schule verändern wollen, seien es Lehrkräfte, Schulleitungen, Eltern, Schüler*innen, Schulämter, Schulträger, Schulplane und Schulentwickler – kurz alle, die die Schule der Zukunft entwickeln wollen.
Ruppaner: Wir wünschen uns alle Menschen als Leserinnen und Leser, die an Bildung interessiert sind.
Das Buch richtet sich selbstverständlich an Lehrkräfte und Schulleitungen. Sie gestalten Schule jeden Tag und verfügen über einen enormen Erfahrungsschatz. Viele von ihnen spüren, dass das bestehende System weder den Kindern noch den Lehrkräften gerecht wird. Ihnen möchten wir Mut machen und konkrete Wege zeigen.
Wir wünschen uns aber ebenso Eltern als Leserinnen und Leser. Eltern sind wichtige Partner der Schule. Sie erleben ihre Kinder außerhalb des schulischen Kontextes und können wertvolle Rückmeldungen geben. Gleichzeitig brauchen sie Informationen darüber, wie Lernen funktioniert und warum eine neue Lernkultur nicht weniger, sondern eine andere Form von Verbindlichkeit bedeutet.
Auch Kinder und Jugendliche sollen sich in diesem Buch wiederfinden. Schließlich geht es um ihre Schule, ihre Zeit und ihre Zukunft. Über Bildung darf nicht nur für junge Menschen gesprochen werden. Es muss mit ihnen gesprochen werden.
Darüber hinaus richtet sich das Buch an Politikerinnen und Politiker, Mitarbeitende in Bildungsverwaltungen, Schulträger, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Ausbildende an Hochschulen und Seminaren sowie an Menschen aus Wirtschaft, Kultur, Jugendhilfe und Zivilgesellschaft.
Bildung ist keine Angelegenheit einer einzelnen Berufsgruppe. Die Schule betrifft die gesamte Gesellschaft.
Wir möchten den Leserinnen und Lesern vor allem drei Gedanken mitgeben.
Erstens: Eine andere Schule ist möglich. Es gibt Schulen, die seit Jahren zeigen, dass junge Menschen selbstorganisiert, erfolgreich und mit Freude lernen können.
Zweitens: Veränderung beginnt mit Haltung. Neue Räume, digitale Geräte und Methoden können hilfreich sein. Entscheidend ist aber die Überzeugung, dass junge Menschen lernen wollen und Verantwortung übernehmen können.
Drittens: Niemand muss auf die große Reform von oben warten. Schulen besitzen mehr Gestaltungsmöglichkeiten, als sie häufig vermuten. Veränderung kann im eigenen Raum, im eigenen Team und mit einem ersten konkreten Schritt beginnen.
Wir hoffen, dass das Buch nicht nur informiert, sondern inspiriert. Vielleicht ist es für manche Leserinnen und Leser das Ei, aus dem ein eigener Schulentwicklungsprozess entsteht.
Sie haben die Alemannenschule Wutöschingen über viele Jahre geprägt und zu einer der bekanntesten Innovationsschulen Deutschlands entwickelt. Gab es einen Moment, an dem Sie wussten: So kann Schule tatsächlich anders funktionieren?
Einen einzelnen Moment, in dem plötzlich alles klar war, gab es nicht. Die Entwicklung der Alemannenschule war ein langer Weg mit vielen kleinen Schritten, Erfahrungen und Erkenntnissen.
Am Anfang stand jedoch eine grundlegende Unzufriedenheit. Ich hatte immer stärker das Gefühl, dass der traditionelle Unterricht weder den Kindern noch den Lehrkräften gerecht wird. Wir investierten sehr viel Kraft, aber ein großer Teil dieser Kraft wurde dafür benötigt, Aufmerksamkeit herzustellen, Gleichschritt zu organisieren und Lernende zur Mitarbeit zu bewegen.
Irgendwann stellte sich für mich die entscheidende Frage: Warum versuchen wir eigentlich ständig, den Unterricht zu verbessern, statt darüber nachzudenken, wie Lernen besser gelingen kann?
Diese Frage hat vieles verändert.
Ein wichtiger Moment war die Erfahrung, dass junge Menschen tatsächlich Verantwortung für ihr Lernen übernehmen, wenn man ihnen diese Verantwortung zutraut und sie dabei verlässlich begleitet.
Natürlich funktionierte nicht von Anfang an alles. Lernende, die jahrelang daran gewöhnt waren, dass Lehrkräfte jede Aufgabe vorgeben und jeden Schritt kontrollieren, wurden nicht automatisch selbstständig. Sie mussten Selbstorganisation erst lernen.
Aber wir konnten beobachten, wie sich etwas veränderte. Lernende begannen, ihre Aufgaben selbst zu planen. Sie unterstützten sich gegenseitig. Sie nutzten Räume unterschiedlich. Sie fragten nicht mehr nur: „Was muss ich machen?“, sondern zunehmend: „Was ist mein nächster Lernschritt?“
Besonders beeindruckend war für mich immer wieder, Kinder und Jugendliche in Projekten oder Herausforderungen zu erleben. Dort zeigten sie Fähigkeiten, die im klassischen Unterricht oft verborgen bleiben. Sie organisierten, diskutierten, bauten, präsentierten, lösten Konflikte und wuchsen über sich hinaus.
In solchen Momenten wurde deutlich: Das Problem sind nicht die Kinder. Das Problem sind häufig die Bedingungen, die wir ihnen geben.
Mit der Zeit kamen auch die fachlichen Ergebnisse hinzu. Wir sahen, dass Selbstorganisation und sehr gute Leistungen keine Gegensätze sind. Unsere Lernenden bewährten sich in Vergleichsarbeiten, Schulabschlüssen, Ausbildung und Studium.
Der vielleicht wichtigste Beweis war jedoch die Entwicklung der Lernkultur. Die Schule wurde zunehmend zu einem Ort, an dem sich junge Menschen wohlfühlten, Verantwortung übernahmen und Lernen nicht mehr ausschließlich mit Zwang verbanden.
Da wusste ich: Schule kann tatsächlich anders funktionieren.
Nicht weil wir eine perfekte Schule geschaffen hätten. Die gibt es nicht. Sondern weil wir erlebt haben, dass Vertrauen tragfähiger sein kann als Kontrolle und dass junge Menschen viel mehr können, als das traditionelle System ihnen häufig zutraut.
Würden Sie heute etwas anders machen? Wenn ja, was?
Ja. Rückblickend würde ich vieles früher, konsequenter und mutiger angehen.
Wir haben am Anfang noch zu lange versucht, das Neue in die Strukturen des alten Systems einzubauen. Wir veränderten Methoden, hielten aber teilweise an gewohnten Zeitstrukturen, Räumen und Rollen fest.
Heute würde ich früher deutlich machen, dass Schulentwicklung nicht gelingen kann, wenn nur die Unterrichtsmethode verändert wird. Haltung, Raum, Zeit und Expertise müssen gemeinsam gedacht werden.
Ich würde auch früher mit einer systematischen Coachingkultur beginnen. Selbstorganisiertes Lernen braucht regelmäßige persönliche Gespräche. Lernende benötigen jemanden, der ihnen zuhört, mit ihnen Ziele entwickelt, Rückmeldungen gibt und ihnen hilft, über das eigene Lernen nachzudenken.
Außerdem würde ich den zweiten Flügel, das Lernen durch Erleben, von Beginn an noch stärker berücksichtigen. In Schulentwicklungsprozessen besteht die Gefahr, dass Selbstorganisiertes Lernen vor allem als strukturiertes Bearbeiten von Lernmaterialien verstanden wird.
Das ist zu wenig. Junge Menschen brauchen Erlebnisse, Abenteuer, Projekte, Bewegung, Natur, Kunst, Musik, Handwerk und echte Herausforderungen. Schule muss ein Lebensraum sein.
Früher und intensiver würde ich auch die Eltern einbeziehen. Eltern müssen verstehen, warum eine neue Lernkultur anders aussieht als die Schule, die sie selbst erlebt haben. Nur wenn sie die Grundgedanken kennen, können sie ihren Kindern Vertrauen schenken und die Entwicklung unterstützen.
Auch die Lehrkräftearbeitszeit würde ich von Anfang an neu denken. Solange Lehrerarbeit fast ausschließlich über Unterrichtsstunden definiert wird, bleibt das alte System sehr mächtig. Coaching, Teamarbeit, Materialentwicklung, Projektbegleitung und pädagogische Gespräche benötigen ebenfalls Zeit und Anerkennung.
Vor allem aber würde ich den Beteiligten noch häufiger sagen: Habt Mut zum Ausprobieren.
Wir haben manchmal zu lange diskutiert, bevor wir etwas erprobt haben. Doch viele Fragen lassen sich nicht theoretisch beantworten. Man muss Erfahrungen sammeln, beobachten und anschließend nachsteuern.
Schulentwicklung gelingt nicht dadurch, dass man vor dem ersten Schritt bereits den gesamten Weg kennt.
Auch der längste Weg beginnt mit dem ersten Schritt. Entscheidend ist, sich auf den Weg zu machen, gemeinsam zu lernen und Fehler nicht als Scheitern, sondern als Teil der Entwicklung zu verstehen.
Vielleicht würde ich heute auch gelassener mit Widerständen umgehen. Veränderung erzeugt Unsicherheit. Menschen müssen Gewohntes loslassen, ohne bereits genau zu wissen, was an dessen Stelle tritt. Das braucht Zeit, Dialog und Vertrauen.
Trotzdem würde ich in der Sache nicht weniger konsequent sein. Kinder und Jugendliche verbringen einen großen Teil ihres Lebens in der Schule. Diese Zeit ist zu wertvoll, um an Strukturen festzuhalten, von denen wir wissen, dass sie Lernen behindern.
Schule sollte wieder das werden, was im ursprünglichen Sinn des griechischen Wortes „scholé“ angelegt ist: ein Ort der Muße, des Nachdenkens, des Dialogs und der freien geistigen Entfaltung.
Eine Schule, die das ermöglicht, kann tatsächlich fliegen.
Sie verbinden Forschung, Lehrerfahrung und Medienpädagogik. Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse bestätigen aus Ihrer Sicht den Weg der Schmetterlingspädagogik?
Da gibt es eine ganze Reihe an Erkenntnissen. Am Wichtigsten scheinen mir zwei Aspekte: Zum Einen ist die Schmetterlingspädagogik ein Ansatz, der direkt aus dem Schulalltag heraus kommt und der wissenschaftlich fundiert ist - es geht also im Buch nicht um irgendwelche abstrakten Empfehlungen, die weit weg vom schulischen Alltag sind. Dadurch knüpft der Band an den Schulalltag vor Ort an. Zum Zweiten legt die Schmetterlingspädagogik den Finger in die Wunde: Will sich eine Schule und ihre Kolleg:innen auf den Weg einer Schmetterlingsschule machen, so geht das nicht ohne die im Band vielfach beschriebene Haltung aller Beteiligten den Lernenden gegenüber.
Sie beschäftigen sich seit Jahrzehnten mit Kreativität, Organisationsentwicklung und Zukunft von Bildung. Warum ist gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für einen grundlegenden Wandel?
Burow: Nach Jahrzehnten der Stagnation im Bildungsbereich eröffnen sich aufgrund des gesellschaftlichen und technologischen Wandels nicht nur ungeahnte Chancen, sondern auch die drängende Notwendigkeit für eine grundlegende Neugestaltung von Schule und Lernen. Eine wachsende Anzahl von Schulen beschreitet bereits den Weg der Schmetterlingspädagogik, man kann diese Schulen besuchen, kann sie sich in Filmen anschauen, vielfältiges Material steht zum download bereit – kurz fast alles ist da und niemand muss sein Material selbst erstellen und seine Schule selbst völlig neu erfinden. Auch wenn es nicht um „kopieren“ gehen kann und jede Schule den für sie und ihre besonderen Bedingungen passenden Weg finden muss, so steht mit der Schmetterlingspädagogik doch ein ausgearbeitetes, positiv evaluiertes Modell zur Verfügung, dessen Materialien und Anregungen – wie unser Buch zeigt – sofort genutzt werden können.
Auch wenn diese Möglichkeiten durch die derzeitige Verfasstheit des dysfunktionalen dreigliedrigen Schulsystems beschränkt sind, zeigt der Erfolg der Alemannenschule und vieler ihrer Nachfolger*innen, dass grundlegender Wandel auch unter den bestehenden Einschränkungen möglich ist. Dieser optimistische Ausblick ändert aber nichts an unserer Einschätzung, dass auch die derzeitige Verfasstheit unseres Schulsystems mit seinen überbürokratisierten Regelungen und überholten Führungmodellen grundlegend neu gestaltet werden muss, damit reformbereite Schulen mehr Unterstützung erfahren und der Raum für Gestaltungsfreiheit für alle erweitert wird.