Psychologin Anna Pietzka im Gespräch über ihr Buch »Glaub nicht alles, was deine Selbstzweifel dir sagen«
Liebe Anna, in deinem neuen Buch geht es um das Impostor-Syndrom. Was ist das eigentlich und was eben nicht? Welche Missverständnisse begegnen dir am häufigsten?
Das Impostor-Syndrom ist ein psychologisches Phänomen, bei dem Menschen unabhängig von ihren tatsächlichen Leistungen und Fähigkeiten glauben, dass sie ihre Erfolge oder andere positive Entwicklungen nur durch Glück, Zufall oder übermäßige Anstrengung erreicht haben.
Es ist keine psychische Erkrankung oder Diagnose und auch nicht per se gleichzusetzen mit einem geringen Selbstwert. Denn wer das Phänomen erlebt, zweifelt nicht grundsätzlich an sich. Zudem ist es kein reines Karrierethema. Hochstapel-Gefühle, Gedanken und Verhalten wie Perfektionismus, Prokrastination und selbstabwertende Bescheidenheit können sich in allen Lebensbereichen zeigen.
Manchmal hört man, dass das Impostor-Syndrom auch etwas Gutes hätte. Doch da muss ich widersprechen. Es sind normale, konstruktive Selbstzweifel, die uns helfen können, unser Handeln zu hinterfragen und uns weiterzuentwickeln. Überzogene Selbstzweifel im Sinne des Impostor-Phänomens dagegen, können belastend und dysfunktional werden.
Also keine Sorge davor, dem inneren Impostor ein bisschen Paroli zu bieten! Auf dem Weg, die Impostor-Stimme zu verabschieden, verlieren wir nicht an Engagement, Leistungsfähigkeit, Ehrgeiz und Selbstreflexion. Die innere kritische Stimme wird nicht gänzlich verstummen, sondern realistischer und unterstützender werden.
Warum ist dir persönlich das Thema so wichtig?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie sehr der innere Impostor nerven kann. Oft verhindert er, dass wir uns über Erfolge so richtig freuen können oder führt dazu, dass wir unnötig Stress erleben und uns unter Wert verkaufen. Zuweilen hält er uns sogar davon ab, Dinge zu tun, die wir eigentlich tun wollen.
Verrückt ist: Es hätte dieses Buch fast nicht gegeben, weil mein eigenes Impostor-Gefühl anklopfte. Im Jahr 2024 erhielt ich die Anfrage, einen Konferenzworkshop zum Impostor-Syndrom zu halten. Und zögerte zuzusagen – denn die Konferenzsprache sollte Englisch sein und ein alter Hochstapel-Gedanke ploppte auf: nämlich, dass mein Englisch auf dem Papier viel besser aussähe als es in Wirklichkeit sei. Wie gut, dass ich die inneren Dynamiken nicht nur erkannte, sondern auch Strategien im Gepäck hatte, ihnen zu begegnen. Denn durch den Workshop (der am Ende großartig verlief) wurde ein erster Stein für das Buch gesetzt. Immerhin lernte ich auf der Konferenz eine Lektorin des Beltz Verlags kennen. »Glaub nicht alles, was deine Selbstzweifel dir sagen«, war damals mein Motto und ich freu mich riesig, dass ich mit dem Buch auch anderen eine Idee geben kann, wie es gelingt, etwas Selbstzweifel gegen Mutstimmung zu tauschen.
Welche Rolle spielen gesellschaftliche Erwartungen bei der Entstehung von überzogenen Selbstzweifeln und warum ist das nicht nur auf den beruflichen Kontext beschränkt?
Es gibt verschiedene psychologische Dynamiken, die dafür sorgen, dass sich manche Menschen häufiger in Situationen wiederfinden, in denen sie sich beweisen müssen oder das Gefühl haben, nicht dazuzugehören. Die Bedrohung durch Stereotype und Doppelbotschaften gehören dazu.
Diese Mechanismen verstärken das Impostor-Erleben nicht nur auf individueller Ebene, sondern macht es auch zu einem gesellschaftlichen Thema. Und offen gesprochen: Gesellschaften und vor allem unterdrückende Umgebungen profitieren nicht selten davon. Denn wer sich als Hochstapler:in erlebt, fühlt sich oft unsicher, arbeitet härter, verkauft sich unter Wert und versucht sich stetig im Dienst der Systeme zu beweisen – oft mit größerer Loyalität anderen gegenüber als sich selbst.
Durch dieses Buch werden sich diese strukturellen, gesamtgesellschaftlichen Themen nicht von allein in Luft auflösen. Und doch kann es, daran glaube ich, auch für »das große Ganze« einen kleinen Unterschied machen, wenn wir als Einzelne die Mechanismen des Phänomens verstehen und mit noch mehr Selbstvertrauen unsere Plätze, egal an welchen Orten der Gesellschaft, einnehmen.
Obgleich das Impostor-Syndrom oft mit dem Beruf assoziiert ist, zeigt es sich längst nicht nur da. Die zugrundeliegenden Denkverzerrungen können genauso in allen anderen Lebensbereichen zur Sorge führen, dass andere ein besseres Bild von einem haben, als gerechtfertigt sei.
Sind Frauen häufiger vom Impostor-Syndrom betroffen als Männer?
Ich werde oft gefragt, ob das Impostor-Syndrom ein »Frauenthema« ist. Die kurze Antwort wäre: Nein, nicht nur. Es gibt zwar eine Reihe an Studien, die zu dem Schluss kommen, dass Frauen mehr und intensiver betroffen wären – genauso finden sich aber Untersuchungsergebnisse, die keine oder umgekehrte Effekte zwischen Geschlechtern zutage bringen. Insgesamt ist das Erleben des Phänomens wohl weniger eine Frage des biologischen Geschlechts. Sondern viel mehr geprägt durch Faktoren wie Repräsentanz, Zugehörigkeit und Rollenerwartungen, die Menschen aller Geschlechter in verschiedenen Kontexten unterschiedlich erleben.
Wen wünschst du dir als Leser:innen für dein Buch?
Ich wünsche mir, dass das Buch in die Hände von Menschen fällt, die das Impostor-Syndrom besser verstehen wollen oder überzogene Selbstzweifel, Hochstapel-Gefühle, Perfektionismus und Prokrastination kennen, aber bisher noch keinen Begriff dafür hatten. Sodass sie zum einem erkennen, dass sie damit nicht allein sind und vor allem auch, dass es auch veränderlich ist.
Ich hoffe, dass dieses Buch seinen Teil dazu beitragen kann, das eigene »gut-genug-Gefühl« zu stärken. Und ich würde die Vorstellung mögen, dass beim Lesen immer mal ein bisschen Mutstimmung überschwappt, um für die eigenen Ideen loszugehen oder im Alltag mehr Leichtigkeit zu erleben – mit weniger oder auch trotz Impostor-Gedanken im Hinterkopf.