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Im folgenden Beitrag werden Rolle und Bedeutung literarischer Lektüren in der Geschichte der Erziehungswissenschaft nach 1945 untersucht. Zwei Phasen lassen sich voneinander unterscheiden, in denen der Beschäftigung mit fiktionaler Literatur unterschiedliche Bedeutungen und Funktionen zukommen. Nach 1945 und vor allem in den 1950er Jahren diente die Goethe-Rezeption in der geisteswissenschaftlichen Pädagogik wie allgemein in der Bundesrepublik dem konservativen Anschluss an bildungstheoretische Traditionen, mit deren Hilfe man orientierende Antworten auf die deutsche „Katastrophe“ zu finden suchte. In einer zweiten Phase, seit Mitte der 1960er Jahre, wird die Lektüre fiktionaler Literatur in den Auseinandersetzungen um eine ‚Modernisierung‘ und ‚Empirisierung‘ der Erziehungswissenschaft genutzt, um diese als „szientistisch“ zu kritisieren und dem eine hermeneutisch vorgehende, am Einzelfall orientierte und am Subjekt interessierte Ausrichtung entgegenzusetzen. Trotz einer frühen Allianz mit der Biographieforschung drohten literarische Lektüren und deren Reflektion in der Erziehungswissenschaft oft die Qualität von fiktionaler Literatur als solcher aus dem Blick zu verlieren. Seit den 1990er Jahren wurde mit ihnen Skepsis gegenüber den Möglichkeiten zu erziehen und pädagogisch zu scheitern formulierbar und die entsprechenden Studien konnten eine kulturkritische Färbung annehmen.
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