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Takt wird zugleich über- und unterschätzt. Man überschätzt die Leistungen des Takts, wenn man in sensibler Interaktionsfähigkeit Lösungen für Probleme der modernen Gesellschaft vermutet, denn die Sachorientierung einer funktional differenzierten Gesellschaft setzt der taktvollen Behandlung der Sozialdimension in der Interaktion scharfe Grenzen. Zugleich unterschätzt man Takt und bleibt blind für seine Funktion für soziale Systeme, solange man lediglich über einen sensualistischen Begriff des Taktgefühls verfügt, der auf die Schonungsbedürfnisse von Personen bezogen ist. Die vorliegende Untersuchung verfolgt das Ziel, ein vollständigeres Bild zu zeichnen. Über eine sozialtheoretische Perspektive, die mit der Differenzierung unterschiedlicher Systemreferenzen und der Modalisierung von Anwesenheit rechnet, wird der Gegenstand aus der limitierenden Verklammerung mit der geselligen Interaktion gelöst. Ein enger, sensualistisch-ethischer Taktbegriff wird systemtheoretisch reformuliert und um sozioprudente Dimensionen der situativen Kontrolle von Erwartungsenttäuschungen erweitert. Takt wird sodann von seiner Unwahrscheinlichkeit her begriffen und in seinen Verhaltensausformungen höher aufgelöst: Die unaufrichtige Aufrichtigkeit des Takts kann als Technik der Kontrolle von (In)Kommunikabilität bestimmt und ihre Funktionen für Interaktionssysteme untersucht werden. Takt lässt sich als sozioprudente Darstellung unaufrichtiger Achtung oder als Unterdrückung aufrichtiger Missachtung der Person unter der Prämisse der Fortsetzbarkeit des Sozialkontakts begreifen. Abschließend wird die Ebene einfacher Interaktionssysteme verlassen, Formen und Funktionen von Takt auf höheren Emergenzebenen des Sozialen untersucht und Forschungsperspektiven skizziert.
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