Armut ist, wo Kinder sind! Dieser familienpolitische Skandal kennzeichnet die gesellschaftliche Situation in Deutschland nun schon seit langen Jahren. Zwar hat die öffentliche Aufmerksamkeit für die Situation der Familien und der darin lebenden Kinder und Jugendlichen deutlich zugenommen, aber dadurch ändert sich nur wenig bis gar nichts an der konkreten Lebenssituation vieler Familien. Der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht des Landes NRW - veröffentlicht im Mai 2007 - belegt dieses Missverhältnis einmal mehr. So variiert - wenig überraschend - die Armutsrisikoquote (Definiert als Zahl der Personen mit einem Nettoäquivalenzeinkommen von weniger als 50 Prozent vom arithmetischen Mittel der Nettoäquivalenzeinkommen der Gesamtbevölkerung je 100 Personen) mit der Erwerbsbeteiligung der Eltern. Sie ist in Paarhaushalten mit Kindern am höchsten, wenn beide Elternteile ohne Beschäftigung sind und umgekehrt am niedrigsten, wenn beide arbeiten. Auch die empirische Feststellung, dass die Armutsrisikoquote der Haushalte mit zunehmender Zahl der Kinder deutlich ansteigt, ist keineswegs neu oder überraschend. So weist der Bericht der Landesregierung für Personen in Familien mit einem Kind eine Armutsrisikoquote von 14,7 Prozent, für Personen in Familien mit drei Kindern von 37,8 Prozent und für Personen in Familien mit vier oder mehr Kindern von 59,7 Prozent aus. Die soziale Situation der Familien hat natürlich Auswirkungen auf die Kinder: "Fast jedes vierte Kind lebt in einem einkommensarmen Haushalt: Mit einer Armutsrisikoquote von 24,5 Prozent tragen Kinder und Jugendliche ein überdurchschnittliches Armutsrisiko. Als Risikofaktoren für die Armut von Kindern erweisen sich das Aufwachsen bei einem allein erziehenden Elternteil, die Erwerbslosigkeit oder mangelnde Erwerbsbeteiligung der Eltern und das Bestehen eines Migrationshintergrunds." (Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.) 2007: 261) -- Angesichts dieser Lebensrealitäten vieler Familien bricht sich zunehmend die Fiktion des Grundgesetzes, dass die Sorgeberechtigten naturgegeben und ohne weitere Voraussetzungen ihrer Elternrolle gerecht werden können. Gerade Familien mit strukturellen Erziehungsdefiziten bzw. situativen Überforderungssyndromen benötigen ergänzende Beratungsleistungen und umfassend unterstützende Kinder- und Jugendhilfeangebote. Dabei muss die Ausgestaltung der finanziellen Transfers (z. B. Kindergeld, Elterngeld, aber auch die Leistungen der Mindestsicherung etwa nach SGB II) mit den sozialen Dienstleistungen für Familien zusammen gedacht werden. Viele Familien können es sich buchstäblich nicht leisten, wenn in der öffentlichen Debatte immer wieder Umschichtungen durch den Abbau der einen Säule (materielle Unterstützung) zugunsten der Stärkung der zweiten Säule (Familien unterstützende Dienstleistungen) diskutiert und gefordert werden - etwa Kürzungen beim Kindergeld zur Finanzierung verbesserter Kinderbetreuungsangebote. -- Familienpolitik konzentriert sich aktuell vor allem auf zwei Handlungsfelder, nämlich die Förderung der Vereinbarkeit von Elternschaft und Beruf sowie der Bildungskompetenzen von Kindern. Dabei geht es vor allem um den Ausbau der Betreuungsangebote für unter dreijährige Kinder, die schulische Ganztagesbetreuung sowie Modellprojekte zur besseren Verzahnung des Elementar- und Primarbereichs. So wichtig die bessere Abstimmung der vorschulischen und schulischen Einrichtungen bzw. deren Verzahnung mit der Kinder- und Jugendhilfe ist, so problematisch bleibt gleichwohl die insgesamt sehr stark auf den Bildungsaspekt verengte Problemwahrnehmung. Ohne den Blick für die präventive Arbeit im familiären Kontext bleiben Schule und schulnahe Dienste immer nachgelagerter Reparaturbetrieb defizitärer Sozialisationsbedingungen. Trotz der zentralen Bedeutung, die Familie und damit (frühes) Elternhandeln bzw. Nicht-Handeln für die Entwicklungschancen der Kinder haben, fehlt es bislang an deren systematischer Einbindung in niedrigschwellige, multiprofessionell vernetzte Präventionsketten. Eine Politik, die sich einseitig auf Verbesserungen für Kinder im schulischen Bereich konzentriert, steht also letztlich nur auf einem Bein. Die Handlungsempfehlungen des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge e.V. für den niedrigschwelligen Zugang von Familien zu Unterstützungsangeboten vom August 2005 weisen dabei zurecht auf das "Spannungsfeld von Elternverantwortung und öffentlicher Verantwortung" hin. Sie fordern mit dem Auf- und Ausbau einer "qualifizierten lokalen Infrastruktur, in der verschiedene Handlungsstrategien unter den Aspekten neuer Ort-, Zeit- und Funktionsvernetzungen ineinander greifen", eine auf die "Eigenkompetenzen von Familien" orientierte Politik (Deutscher Verein (Hg.) 2005: 3). Bleibt allein die Frage, wie gerade sozial benachteiligte Eltern in die Angebote einer derart qualifizierten Infrastruktur eingebunden werden können?
Beitrag
Kinder stärken heißt in Elternkompetenz investieren!
TUP - Theorie und Praxis der Sozialen Arbeit (ISSN 0342-2275), Ausgabe 2, Jahr 2008, Seite 122 - 125
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